02.04.2025

Andrea Nahles beim 36. EuropaAbend: „Demografie küsst Automatisierung“

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Fachkräfte fehlen, Aufträge bleiben liegen – und gleichzeitig suchen viele Menschen eine neue berufliche Heimat. Wie passt das zusammen? Beim 36. EuropaAbend stand genau diese Frage im Mittelpunkt. Unter dem Motto „Einwanderung stärkt den Arbeitsmarkt“ zeigte Festrednerin Andrea Nahles, warum qualifizierte Zuwanderung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine große Chance für Wirtschaft und Gesellschaft sind. Die Vorsitzende des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit und ehemalige Bundesministerin sprach vor mehr als 200 geladenen Gästen im Panoramadeck des EMPORIO in Hamburg. AGA-Hauptgeschäftsführer Volker Tschirch führte durch den Abend.

Andrea Nahles hielt eine leidenschaftliche Rede zur aktuellen Arbeitsmarktpolitik und den Herausforderungen der Erwerbsmigration. Sie kritisierte unter anderem den teils widersprüchlichen Umgang mit Langzeitarbeitslosen in den vergangenen Jahren. Erst habe die Politik Sanktionen gegen Arbeitslose abgeschafft, dann sei plötzlich der Vorwurf laut geworden, das Bürgergeld mache die Menschen zu „Faulenzern“ und „Totalverweigerern“. Nahles plädierte für einen pragmatischen Mittelweg: „Was wir also brauchen, ist ein vernünftiges Maß von Fordern und Fördern."

Besonders hob sie die Bedeutung von Sprachkenntnissen für den Arbeitsmarkt hervor. Deutsche Unternehmen bevorzugten deutschsprachige Beschäftigte, daher müsse der Spracherwerb parallel zur Arbeitsaufnahme erleichtert werden. Die Integration von 245.000 ukrainischen Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zeige, dass eine enge Betreuung sowie intensive Kontakte zu den Unternehmen entscheidend seien. „Wir müssen mit den Leuten im Gespräch bleiben und die Türen in Richtung der Unternehmen öffnen“, betonte die Arbeitsmarktexpertin.

In der demografischen Entwicklung sieht Andrea Nahles keinen reinen Nachteil, sondern eine Chance: „Demografie küsst Automatisierung“, sagte sie und machte deutlich, dass Künstliche Intelligenz und Automatisierung Antworten auf den Fachkräftemangel seien. „Wenn ich in Deutschland lebe und ich höre, die Automatisierung, KI und Ähnliches haben das Potenzial, dass wir weniger Erwerbspersonen brauchen, um bestimmte Arbeit zu leisten, dann ist das doch eine ganz hervorragende Information.“ Die Bundesagentur für Arbeit habe bereits einen Plan zur Reduzierung von Personal durch Digitalisierung erarbeitet, ohne dabei Beschäftigte im öffentlichen Sektor unnötig abzubauen. Nahles sieht Deutschland hier jedoch noch zu zurückhaltend: „Wir sind da immer so die Bedenkenträger.“

Schließlich blickte die Chefin der Bundesarbeitsagentur auf die Erwerbsmigration. Deutschland sei das beliebteste nicht-englischsprachige Einwanderungsland, doch bürokratische Hürden erschwerten den Zuzug von Fachkräften. Besonders die langwierigen Visa- und Anerkennungsverfahren seien problematisch. „Warum muss bei der Einwanderung von Fachkräften erst die Ausländerbehörde vor Ort ihre Zustimmung zu allem erteilen, was Monate dauert?“ fragte Andrea Nahles. Sie forderte eine drastische Vereinfachung dieser Prozesse durch eine zentrale digitale Plattform. Bürokratische Trägheit sei einer der Hauptgründe, warum viele Migranten Deutschland wieder verließen. „Es sind 1,14 Millionen eingewandert im letzten Jahr, aber 750.000 sind wieder ausgewandert“, warnte sie.

Zum Abschluss plädierte Nahles für einen echten Reformwillen: Alle notwendigen Veränderungen seien möglich – es fehle nur am politischen Willen, sie konsequent umzusetzen. „Was ist machbar? Nichts davon ist nicht machbar. Wir müssen es nur wollen!“ Dass die Akteure in Hamburg auf jeden Fall wollen, unterstrichen weitere Stimmen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung in einem kurzen Einspieler:

Stimmen aus Hamburg | Einwanderung stärkt den Arbeitsmarkt

AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse nutzte zuvor die Gelegenheit, um in seiner Rede auf geopolitische Herausforderungen einzugehen. Er warnte vor einem eskalierenden Handelskonflikt mit den USA: „Donald Trump ist kein Diplomat – er ist ein Geschäftsmann mit dem Habitus eines Dealmakers“, sagte er und betonte, dass Trump mit maximaler Eskalation bessere Deals herausschlagen wolle. Die EU dürfe darauf nicht mit Empörung reagieren, sondern mit „klugen, wirtschaftlich überlegten Schachzügen“. Deutschland müsse führend daran arbeiten, „Europa wirtschaftlich stärker und unabhängiger zu machen“. Dazu gehöre auch, neue Handelsabkommen mit Indien, Indonesien, Thailand und Australien rasch voranzutreiben.

Die EU müsse sich außerdem dringend aus der Abhängigkeit von China lösen, insbesondere bei Halbleitern, Medikamenten und seltenen Erden. „Es kann nicht sein, dass unsere Industrie von einem einzigen Land so abhängig ist.“ Gleichzeitig müsse Europa verhindern, dass chinesische Billigprodukte den Markt überschwemmten und dabei alle Regeln in Europa unterliefen. „Temu und Shein sind da wohl erst der Anfang“, mahnte Kruse.

Auch auf den Arbeitsmarkt ging der AGA-Präsident ein. Er erklärte, dass Deutschland weniger Jahresarbeitsstunden leiste als andere europäische Länder. „Jeder Wohlstand, auch der vom Staat verteilte, muss erst einmal verdient werden.“ Er schlug vor, mindestens einen Feiertag zu streichen, etwa den Pfingstmontag, um das Arbeitsvolumen zu erhöhen. Zudem brauche es „mehr Flexibilität“ – eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit sowie bessere Kita-Betreuung, um Vollzeitbeschäftigung zu ermöglichen.

Beim Thema Migration forderte Dr. Hans Fabian Kruse eine klare Unterscheidung: „Wir brauchen den Umschwung bei der irregulären Migration, um den sozialen Frieden zu wahren.“ Gleichzeitig sei Deutschland auf qualifizierte Einwanderung angewiesen, doch bürokratische Hürden stünden im Weg. Besonders im Güterverkehr sei dies spürbar: „Jedes Jahr fehlen 40.000 bis 60.000 Berufskraftfahrer.“ Führerscheine von Zuwanderern würden nur mit Verzögerung anerkannt, was die Versorgung gefährde. „Hier brauchen wir Tempo durch Digitalisierung und Vereinfachung.“ Auch eine erleichterte Zuwanderung aus Drittstaaten über Zeitarbeit müsse möglich werden, um den Arbeitsmarkt stabil zu halten.

Laden Sie hier die vollständige Rede von Dr. Hans Fabian Kruse als PDF herunter: EuropaAbend 2025

Auch Hamburgs Wirtschaftssenatorin Dr. Melanie Leonhard ließ es sich nicht nehmen, an unserem EuropaAbend teilzunehmen. Gemeinsam auf der Bühne mit Horst Schmidt, Vorstandssprecher von DONNER & REUSCHEL, stellte sie sich den Fragen unseres Hauptgeschäftsführers Volker Tschirch. Mit Europa verbinde sie, so Leonhard, Errungenschaften wie den gemeinsamen europäischen Arbeitnehmermarkt und die Freizügigkeit, die weiterverfolgt werden sollten. Gleichzeitig müssten sicherheitspolitische Fragen beantwortet werden. „Die Zeit der Komfortantworten ist vorbei“, so die Senatorin. Von der Arbeitsagentur wünscht sich Leonhard zudem, bei allen Dingen, die schon gut liefen, „noch ein bisschen mehr Raum für regionale Besonderheiten zu lassen, um mehr ausprobieren und wagen zu können“.

Last but not least: Kein EuropaAbend kommt ohne musikalische Untermalung aus. Für diese sorgte das nordische Akustik-Duo LYS, bestehend aus Sängerin Sinje und Gitarrist Federico.

Impressionen

Fotos: Christian-Arne de Groot / Christian Ströder

Der 36. EuropaAbend wurde unterstützt von:

Seit 1990 setzt der AGA Unternehmensverband mit dem EuropaAbend Zeichen für die europäische Idee, für die europäischen Werte, für ein geeintes Europa. Jedes Jahr begrüßen wir Persönlichkeiten, die sich um Europa verdient gemacht haben. Dazu gehörten unter anderen Helmut Schmidt, Hans Dietrich Genscher, Jean-Claude Juncker, Peer Steinbrück, Wolfgang Schäuble, Jean-Claude Trichet oder Mario Monti.

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